Johann Schu(e)ller von Schu(e)llern zu Schrattenhofen, Reichsritter
Johann Franz Jakob von Schullern zu Schrattenhofen, geboren am 11. Juni 1723 in Innsbruck und im Oktober 1795 in Lienz verstorben, gehört zu jenen Vertretern des Tiroler Beamtenadels, deren Wirken weniger im Glanz großer politischer Entscheidungen als in der verlässlichen, disziplinierten und hochverantwortlichen Verwaltungsarbeit sichtbar wird. Er war k. k. wirklicher Marschkommissär im Pustertal, Verwalter der königlichen Stiftsherrschaft Lienz und Schlosshauptmann auf Bruck. Schon diese Ämter zeigen ihn als Mann des praktischen Dienstes, der zwischen landesfürstlicher Verwaltung, militärischer Logistik und lokaler Herrschaftsausübung stand.
Seine Herkunft erklärt viel von diesem Lebensweg. Johann Franz Jakob war der einzige Sohn des Hofkammerrats Anton Schueller Ritter von Schuellern zu Schrattenhofen und der Eleonora Lachemayr von Ehrenhaimb und Madlein. Der Vater gehörte zu jenem Milieu des altösterreichischen Beamtentums, das Stand, Bildung und Landesdienst eng miteinander verband. Anton von Schuellern hatte selbst bedeutende Verwaltungsfunktionen inne, wurde 1736 zum interimistischen Verwalter des reservierten Hofkasse-Filialamts in Tirol bestellt, war später oberösterreichischer Repräsentations- und Hofkammerrat und trat auch in politischen Beratungen hervor. Der Sohn wuchs somit in einer Familie auf, in der Dienstethos, Loyalität gegenüber dem Landesherrn und administrative Tüchtigkeit nicht bloß Tugenden, sondern gelebte Lebensform waren.
Dieser Herkunft entsprach auch seine Ausbildung. Johann Franz Jakob studierte je zwei Jahre in Innsbruck und Siena und wurde am 8. April 1747 an der Universität Innsbruck nach bestandenem Rigorosum insigni cum laude in beiden Rechten graduiert. Diese juristische Doppelqualifikation war für eine Beamtenlaufbahn von erheblicher Bedeutung: Sie befähigte nicht nur zur sicheren Handhabung von Rechts- und Verwaltungsfragen, sondern auch zum Umgang mit Besitz-, Herrschafts- und Kompetenzverhältnissen in einem vielschichtigen habsburgischen Staatswesen. Schon hierin tritt eine erste Stärke deutlich hervor: gründliche Bildung verbunden mit praktischer Anwendbarkeit. Johann Franz Jakob war kein bloßer Titulargerlehrter, sondern ein rechtskundiger Verwaltungsfachmann, dessen Studium offenkundig auf den Dienst ausgerichtet war.
Spätestens ab 1752 ist er in Lienz als Verwalter der königlichen Stiftsherrschaft und als Schlosshauptmann auf Bruck nachweisbar; in der Verlassabhandlung nach seinem Vater erscheint er zudem als Sr. Majestät wirklicher Marschkommissär im Pustertal. Diese Ämter sind keineswegs als bloße Ehrenstellungen zu verstehen. Der Verwalter einer Stiftsherrschaft hatte Einkünfte, grundherrliche Rechte, laufende Wirtschaftsfragen und die alltägliche Ordnung des Herrschaftsbetriebs zu sichern. Der Schlosshauptmann wiederum stand für Aufsicht, Repräsentation und Schutz eines wichtigen herrschaftlichen Ortes. Als Marschkommissär schließlich bewegte sich Schullern im Bereich militärisch-administrativer Organisation: Hier ging es um Wege, Quartiere, Pferde, Transporte, Sicherheit, Versorgung und Abstimmung zwischen lokalen Obrigkeiten und übergeordneten Behörden. Seine Ämter verlangen daher, modern gesprochen, Führungsfähigkeit, Organisationskunst, Belastbarkeit und Verhandlungsgeschick.
Besonders anschaulich wird sein Können im Zusammenhang mit der Reise Isabellas von Bourbon-Parma im Jahr 1760, der Braut des späteren Kaisers Joseph II. Diese Reise führte mit großem Gefolge von Parma über Bozen und Brixen durch das Pustertal nach Lienz und weiter nach Wien. Für die Passage durch das Pustertal war Johann Franz Jakob von Schullern verantwortlich; er hatte darüber dem Gubernium in Innsbruck einen ausführlichen Bericht zu erstatten. Bereits Monate zuvor wurden die Stationen visitiert, Räume zugewiesen, Türen beschriftet, Sicherheitsmaßnahmen getroffen und Straßen instand gesetzt; laut Befehl der Hofkammer standen täglich hundert Arbeiter samt Fuhrwerk bereit. Auch die Verpflegung von Menschen und Tieren musste bis ins Einzelne geregelt werden. Als es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen lokalen Obrigkeiten über Pferdestellungen und deren Versorgung kam, wurde eine Konferenz in Innichen abgehalten, bei der die strittigen Fragen beigelegt wurden.
Gerade in diesem Vorgang zeigen sich die charakterlichen und fachlichen Stärken Johann Franz Jakobs besonders deutlich. Er erscheint hier als ein Beamter, der vorausschauend plant, in Details denkt und dennoch das Ganze im Blick behält. Seine Aufgabe beschränkte sich nicht auf die mechanische Ausführung von Befehlen; sie verlangte vielmehr die Koordination vieler Interessen, die praktische Einschätzung von Wegen, Häusern und Vorräten sowie den Umgang mit örtlichen Widerständen. Dass ihm eine Reise von dynastischer und höfischer Bedeutung anvertraut wurde, spricht für das Vertrauen, das man in seine Zuverlässigkeit setzte. Aus dem Bericht wird zudem erkennbar, dass Schullern nicht nur verwaltete, sondern Ordnung herstellte: zwischen Hofetikette und Landeswirklichkeit, zwischen zentraler Vorgabe und regionaler Durchführung, zwischen repräsentativem Anspruch und praktischer Machbarkeit. Eine seiner größten Stärken war demnach offenbar die Fähigkeit, komplexe Abläufe in verlässliche Ordnung zu bringen.
Hinzu trat eine weitere Qualität, die für Beamte seines Schlages entscheidend war: nüchterne Solidität. Die Vermögensinventur und Abhandlung nach seinem Tod vom 28. Dezember 1795 weist ein beachtliches Vermögen von 43.000 Gulden aus; genannt werden unter anderem Bargeldbestände, Silberzeug und Pretiosen, Forderungen sowie der 1768 von der Schwiegermutter erworbene Brändlhof bei Hall. Diese Angaben sind nicht nur familiengeschichtlich interessant. Sie zeigen, dass Johann Franz Jakob in wirtschaftlicher Hinsicht einen geordneten und substanzstarken Hausstand führte. Das legt nahe, dass er nicht nur im Amt, sondern auch im privaten Bereich als Mann der Beständigkeit, Vorsorge und geordneten Vermögensführung hervortrat — Eigenschaften, die im 18. Jahrhundert eng mit der sozialen Glaubwürdigkeit eines landesfürstlichen Beamten verbunden waren.
Auch seine Stellung innerhalb der Familie verdient Beachtung. Er war mit Helene beziehungsweise Maria Helena von Preu zu Korburg und Lusenegg verheiratet. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor, darunter zwei Söhne, die für die weitere Familiengeschichte entscheidend wurden: Johann Josef Anton Cornel begründete den Osttiroler Ast, Johann Anton Albert den Nordtiroler Ast der Familie. Darin liegt ein wesentlicher Teil seiner historischen Bedeutung. Johann Franz Jakob war nicht bloß ein tüchtiger Beamter seiner Zeit, sondern auch die Scharnierfigur zweier späterer Familienlinien. Über seine Söhne setzte sich die Familie in unterschiedlichen Räumen Tirols fort; zugleich zeigt sich darin, dass sein Lebensweg in Lienz nicht das Ende, sondern ein Übergang in eine breitere familiengeschichtliche Entfaltung war.
Betrachtet man seine Biografie insgesamt, so tritt kein lauter, spektakulärer Charakter hervor, sondern ein Mann, dessen Stärke gerade in der Verlässlichkeit des Dienens lag. Johann Franz Jakob von Schullern zu Schrattenhofen verkörpert jenen Typus des habsburgischen Funktionsadels, der den Staat nicht durch große Worte, sondern durch administrative Kompetenz trug. Seine Bildung, seine praktische Organisationsgabe, seine Fähigkeit zur Koordination unterschiedlicher Obrigkeiten, sein Sinn für Ordnung und seine wirtschaftliche Solidität machen ihn zu einer bezeichnenden Gestalt des Tiroler Beamtenadels im 18. Jahrhundert. Seine Leistung bestand nicht in der spektakulären Ausnahme, sondern in der beständigen Erfüllung anspruchsvoller Aufgaben — und gerade darin lag seine eigentliche Stärke.